Herbst 2018
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Menschenmassen schoben sich durch die Eingeweide der Stadt und brandeten gegen

Rolltreppen, sprudelten hinab in die Tiefe und wurden von U-Bahnen aufgesogen; andere

wiederum ausgespuckt, mit Smartphones vor den ernsten Gesichtern auf dem Weg zu ei-

nem Agentur-Meeting oder zur Fußpflege, zu einem Bewerbungsgespräch, zur Bücherei,

um den Ausweis verlängern zu lassen, zur Kirche, um vielleicht beichten zu gehen. Alle

diese Menschen waren frei, zumindest wirkten sie so im Gegensatz zu den Menschen in

Laurenz’ gewohnter Umgebung. Aber war das wirklich Freiheit? Dieses hektische Ge-

wimmel? Oder kam ihm das nur so vor?

Die Gefängniswelt folgte einem ganz eigenen Rhythmus, an den er sich viel zu sehr

gewöhnt hatte. Vielleicht täte es ihm tatsächlich gut, aus diesem Phlegma rauszukommen

und etwas anderes zu machen. Eigentlich verrückt, dachte Laurenz, sich so etwas ausge-

rechnet von einem ranghohen Mitarbeiter der kirchlichen Verwaltung anhören zu müs-

sen: „Komm mal raus, mach mal was anderes.“

Über Monsignore Marc Wagners Schreibtisch hing ein Bibelvers in den ziselierten Buch-

staben des hebräischen Originaltextes. Hebräisch war beim Studium nicht gerade eine

von Laurenz’ Stärken gewesen, aber diesen Satz hatte er trotzdem auf Anhieb übersetzen

können: Mein Vater war ein heimatloser Aramäer. Das traf es ganz gut, oder nicht?

Doch dann der Schock.

„Ihr könnt mich überall hin schicken, aber nicht nach St. Magdalena“, hatte er noch zu

protestieren versucht. „Meinetwegen in die Eifel oder nach Neuss, wenn’s sein muss; zur

Not auch nach Düsseldorf! Aber doch nicht nach Magdalena.“

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